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Montag, 2. Februar 2009

Zum 100. Geburtstag von Simone Weil


Simone Weil wäre am 3. Februar hundert Jahre alt geworden. Leider starb diese großartige Denkerin schon im Alter von nur 34 Jahren. Aber sie hat zum Glück einiges höchst Lesenswerte hinterlassen: http://www.antjeschrupp.de/simone_weil.htm

Sonntag, 25. Januar 2009

Obamas Mum

Interessante Infos über Barack Obamas Mutter, Ann Dunham Soetoro, hat Luise Pusch heute in gepostet - look at this: http://www.bzw-weiterdenken.de/index.php?m=artikel&rub=11&tid=177

Samstag, 17. Januar 2009

Proudhon - der größte Frauenfeind des 19. Jahrhunderts wird gefeiert

Mit Verwunderung lese in diesen Tagen allenthalben lobhudelnde Artikel über den französischen Antifeministen und Sozialisten Pierre-Joseph Proudhon, aus Anlass von dessen 200. Geburtstag. Zum Beispiel hier in der taz http://www.taz.de/1/leben/koepfe/artikel/1/der-anarchistische-kleinbuerger/ oder auch in der monde diplomatique http://www.monde-diplomatique.fr/2009/01/CASTLETON/16666 (leider im Netz nur auf französisch zu haben).

Da gibt es dann so lapidare Sätze wie den, dass sich die antifeministischen Positionen Proudhons „bei vielen Sozialisten des 19. Jahrhunderts“ fänden. Das stimmt nicht. Proudhon war ein extremer Antifeminist und in seiner Frauenverachtung deutlich radikaler als alle anderen Denker seiner Zeit, ob bürgerliche oder sozialistische.

Mit seinem Buch "De la Justice" löste er 1858 einen Protest-Sturm unter französischen Feministinnen und eine Flut anti-proudhonistische Bücher aus. In seiner 1875 posthum veröffentlichten Hetzschrift „La Pornocratie ou les femmes dans les temps modernes“ legte er noch mal nach und verteidigte seinen Antifeminismus ausdrücklich gegen den Trend der Zeit.

Der Proudhonismus führte in der französischen Arbeiterbewegung zunächst zu einem Ausschluss der Frauen aus ihren Organisationen, der erst aufgehoben wurde, nachdem der Proudhonismus an Einfluss verloren hatte. Proudhon galt zu seiner Zeit auch keineswegs als Anarchist. Zum Beispiel sind Bakunin und seine AnhängerInnen zunächst der Internationale wegen deren proudhonistischer Ausrichtung gegenüber distanziert geblieben (sie vertraten die Gleichheit der Geschlechter). Erst Kropotkin hat Proudhon in die Ahnenreihe des Anarchismus aufgenommen, und seither schreibt es einer vom anderen ab.

Es ist also keineswegs so, dass Proudhons Frauenverachtung sozusagen ein aus den Zeitumständen heraus verständlicher und vernachlässigbarer Nebenaspekt seines Denkens war, sondern er war ein zentraler Punkt. Hauptforderung der Proudhonisten war zum Beispiel ein Verbot der Frauenerwerbsarbeit und die Vorstellung, Frauen müssten in Haushalt und Kindererziehung dem Mann zuarbeiten. Dies war nicht einfach „damals eben so“, sondern eine dezidierte Gegenposition zu anderen Strömungen der Arbeiterbewegung, die eine Integration der Frauen in die Erwerbsarbeit und in den sozialrevolutionären Kampf favorisierten. Dieser Streit zwischen Proudhonisten und anderen über die Rolle der Frau nahm bei den ersten beiden Kongressen der Internationale einen sehr großen Teil der Debatten ein.

Wenn ich da solche Artikel lese, dann muss ich sagen, dass die Arbeiterbewegung in ihrem Bewusstsein für die Bedeutung der Geschlechterdifferenz für die revolutionäre Bewegung damals theoretisch bereits auf einem höheren Niveau war die so genannten "linken" Denker heute, 150 Jahre später. Ziemlich schade, nicht?

Wer es genauer wissen will: Ich hab einen Text im Netz zum Thema "Feminismus und Antifeminismus in der frühen Arbeiterbewegung" http://www.antjeschrupp.de/studienvereinigung.htm

Klonkrieger stellen sich zur Wahl


Sind sie nicht schön, die hessischen Klonkrieger? Über die Männerrunde, die nach der Abwahl der weiblichen Hauptdarstellerin übriggeblieben sind und - bei aller angeblichen Gegnerschaft zueinander - offenbar kulturell sehr schön zusammen passen, hat Judith von Sternburg eine schöne Betrachtung in der Frankfurter Rundschau geschrieben: http://www.fr-online.de/in_und_ausland/politik/aktuell/?em_cnt=1660264&

Dass die sexuelle Differenz in der Politik häufig weniger eine Frage der Inhalte ist, sondern vielmehr eine des Gestus, darüber denke ich schon länger nach. Nur dass es eben selten so schön augenfällig wird.

Tja, das kommt eben davon, dass die Frauen so unbelehrbar sind: http://antjeschrupp.blogspot.com/2008/11/unbelehrbar-bleiben.html

Sonntag, 11. Januar 2009

Michelle Obama ist ein Mann!


Das Männermagazin "DER SPIEGEL" hat diese Woche das höchste Lob an eine Frau vergeben, das es in Augen der Redakteure offenbar gibt: MICHELLE OBAMA IST EIN MANN. Und nicht nur das, sondern auch noch OBAMAS BESTER. Luise Pusch hat dazu in ihrem Blog eine kleine Glosse geschrieben:
http://www.fembio.org/biographie.php/frau/comments/ist-michelle-obama-ein-mann/
Ich finde das Interessante an dieser Sache ist nicht die Altbackenheit des SPIEGEL (wahrscheinlich traut man sich dort nur zu schreiben, was mann andernorts nur denkt, aber sich political correctness halber verkneift), sondern die Tatsache, dass dieses Prinzip offenbar immer noch funktioniert. Von daher danke ich dem SPIEGEL ganz herzlich für diesen Titel, denn er liefert mir wieder einmal einen Beleg für meine These, dass die Politik trotz aller Emanzipation nach wie vor ein symbolisch männlich definierter Ort ist.
Vgl. auch meinen Artikel "Kein weiblicher Messias in Sicht" (über die Hillary-Barack-Ereignisse) http://www.bzw-weiterdenken.de/index.php?m=artikel&rub2=&tid=105 und meinen Kommentar "Ich gratuliere Hillary Clinton" in diesem Blog: http://antjeschrupp.blogspot.com/2008/06/ich-gratuliere-hillary-clinton.html

Donnerstag, 13. November 2008

Unbelehrbar bleiben!

Immer zuverlässig darin, unterschwellige Stimmungen knackig auf den Punkt zu bringen, hat die Bildzeitung gestern eine interessante Frage formuliert: „Ist Ypsilanti so unbelehrbar, weil sie eine Frau ist?“


In dem dazugehörigen Artikel erklärt dann die „Politikberaterin“ Gertrud Höhler, die ja schon lange mit der Mission unterwegs ist, Frauen die Spielregeln des Politbetriebes einzubleuen, warum Andrea Ypsilanti mit ihrem Vorhaben, Ministerpräsidentin von Hessen zu werden, ganz einfach scheitern musste: „Sie hat ihre Lektion nicht gelernt“.

Wer, frage ich da mal keck zurück, ist eigentlich der Schulmeister? Welche Lektionen genau sind es, die hier gelernt werden müssen, bevor eine sich politische Ambitionen erlauben darf?

Das hat an anderer Stelle ein alter Bekannter beantwortet: Joschka Fischer ließ über die Nachrichtenagenturen verbreiten, Ypsilanti habe „das Einmaleins der Koalitionsbildung“ nicht begriffen. Interessant, wie einer jetzt den Staatsmann gibt, der doch selbst mal dadurch berühmt geworden war, dass er sich allen Lektionen verweigert und in Turnschuhen den Amtseid zum hessischen Minister leistete.

Aber klar: Joschka Fischer ist ja auch ein Mann. Und als solcher gehört er, egal ob links oder rechts, egal ob angepasst oder revoluzzermäßig, ganz einfach quasi von Natur aus aufs politische Parkett. Eine Frau hingegen muss erst mal beweisen, dass sie das kann.

Angela Merkel übrigens kann es Fischer zufolge auch nicht. Ihre „Performance“ in der Finanzkrise hat ihm nicht gefallen. „Da bedarf es des festen Blicks nach vorn, einer starken Hand und zumindest des Eindrucks, dass sie weiß, wohin es geht“ schulmeisterte er weiter. Frau kann es eben niemals richtig machen. Die eine weiß viel zu genau, was sie will, und die andere weiß es nicht genau genug.

Ich habe ja schon an anderer Stelle darüber geschrieben, dass das politische Diskursphänomen, das wir derzeit unter dem Stichwort „Obama“ erleben (sogar meine kleinen Neffen sind schon Obama-Fans) nur möglich ist mit einem männlichen Protagonisten. http://www.bzw-weiterdenken.de/index.php?m=artikel&rub2=&tid=105

Und genauso ist das, was wir derzeit unter dem Stichwort „Ypsilanti“ als Mediendebatte erleben, nur möglich mit einer weiblichen Protagonistin.

Es ist allerdings schon lange her, dass die öffentliche Demontage einer Politikerin so offen sexistisch war wie das, was in den letzten Tagen – und nicht nur in der Bildzeitung – über Andrea Ypsilanti geschrieben wurde. Plötzlich ist sie an allem schuld, was in der hessischen SPD schlecht läuft. Dabei ist die, wie jede weiß, deren Gedächtnis weiter als ein paar Monate zurückreicht, schon lange in einem ziemlich desolaten Zustand. Völlig vergessen scheint plötzlich zu sein, dass es überhaupt nur der Strahlkraft von Andrea Ypsilanti und gerade ihrem „Anders-Sein“ zu verdanken war, dass sie bei den letzten Landtagswahlen so unverhofft gut abgeschnitten hat.

Ich frage mich also, worin die große Ypsilanti-Katastrophe eigentlich bestehen soll. Auf der Suche nach Verantwortlichen für den Niedergang der SPD würden mir jedenfalls erstmal etliche andere Namen einfallen. Ypsilanti hatte ganz einfach ein linkes, für hessisch-sozialdemokratische Verhältnisse sehr radikales Programm. Ungefähr die Hälfte ihrer eigenen Partei ist anderer Meinung als sie. Weil sie bei den Wahlen aber so gut Stimmen mobilisiert hat und auch mangels überzeugender Alternativen ließ man sie eine Zeitlang gewähren. Doch letztendlich hat sich herausgestellt, dass es für ihre politische Vorstellungen in der hessischen SPD keine Mehrheit gibt. Das mag man schade finden oder toll, je nachdem welcher Meinung man selbst ist, aber es ist doch ein ganz normaler Vorgang in einer Demokratie – jedenfalls nach meinem Verständnis von Politik. Aber vielleicht habe ich ja meine Lektionen auch noch nicht gelernt.

Ein Problem ist der „Fall Ypsilanti“ jedenfalls aus einem ganz anderen Grund, von dem ich bisher allerdings noch nirgendwo etwas gelesen habe. Er wird nämlich zur Folge haben, dass Frauen noch mehr die Lust verlieren, ein politisches Amt zu übernehmen. Bekanntlich ist das Interesse von Frauen, in die Politik zu gehen, ohnehin nicht sehr groß. Jedenfalls höre ich oft Klagen, man finde keine, die für Listen, Gemeinderäte, Positionen und dergleichen kandidieren wollen. Woran liegt das wohl? An den Frauen, die ihre Lektionen nicht lernen? Oder nicht vielleicht doch eher daran, dass es einfach keine große Freude macht, dauernd von Typen der Marke Fischer belehrt zu werden? Die sich sowieso nur für ihre eigenen Strategien interessieren und nicht dafür, was eine zu sagen hat?

Der „Fall Ypsilanti“ beweist, wieder einmal, dass Frauen in der Politik die Geduld eines Engels und die Dickfelligkeit eines Elefanten brauchen. Und darin sind wir eben nicht alle so gut, wie Angela Merkel. Und deshalb besteht wohl die Gefahr, dass die „offizielle“ Politik auch weiterhin eine Männer-Angelegenheit bleibt. Schade eigentlich, denn eine besonders gute „Performance“ gibt das aller Erfahrung nach nicht.

Ich für meinen Teil hoffe jedenfalls ganz fest, dass die Frauen, egal welcher Couleur, auch weiterhin schön unbelehrbar bleiben.

Donnerstag, 25. September 2008

Simone Weil und der Anarchismus

Im kommenden Jahr steht der 100. Geburtstag der französischen Philosophin Simone Weil an – Anlass genug, sich genauer mit dem Werk dieser ungewöhnlichen Denkerin zu beschäftigen. Mich interessiert als Politikwissenschaftlerin dabei besonders die Aktivistin und Anarchistin Weil, die in den meisten Veröffentlichungen etwas zu kurz kommt, in denen Weil vor allem als Mystikerin gewürdigt wird. Viele sehen in ihrer Lebensenwicklung einen „Bruch“ zwischen einer frühen, revolutionären Phase und ihrer späteren Hinwendung zum Christentum. Doch in gewisser Weise ist ihre Entwicklung kein Bruch, sondern eher eine Kontinuität. Ein guter Lektüretipp zu diesem Thema ist ein kürzlich erst ins Deutsche übersetzter Sammelband mit Aufsätzen und teilweise bis dahin unveröffentlichte Textdokumenten, die den Fokus auf Weils politischen Aktivismus und insbesondere ihre Verbindung zum gewerkschaftlich-anarchistischen Syndikalismus lenken Ich habe das Buch für das Internetforum http://www.bzw-weiterdenken.de/ rezensiert.

Den Text unter der Überschrift „Wenn Handeln unmöglich wird“ findet Ihr hier: http://www.bzw-weiterdenken.de/artikel-7-149.htm

Mittwoch, 4. Juni 2008

„Ich gratuliere Hillary Clinton“

Ein Kommentar zum Sieg von Barack Obama gegen Hillary Clinton

„Ich gratuliere Hillary Clinton, nicht nur weil sie eine Frau ist, die weiter gegangen ist als jemals eine Frau vorher, sondern auch weil sie eine starke Anführerin ist, die Millionen von Menschen inspiriert“ – dies sagte Barack Obama in seiner Siegesrede am 3. Juni, als endgültig klar geworden war, dass er der demokratische Präsidentschaftskandidat bei den USA-Wahlen im November ist. Das hört sich auf den ersten Blick gut an: Fairer Gewinner. Auf den zweiten Blick ist es ziemlich unverschämt. Was nicht Obamas Schuld ist. Es belegt nur, dass Frauen noch immer symbolische Fremdkörper in dem System der „offiziellen“ Politik sind. Anders herum wäre der Satz jedenfalls nicht möglich. Wenn eine Frau sagen würde: „Ich gratuliere Barack Obama, nicht nur weil er ein Schwarzer ist, der weiter gekommen ist als jeder andere Schwarze vor ihm...“ – das klänge rassistisch und herablassend.

Es zeigt sich hierin, dass der Ausschluss von Frauen aus der Politik und die rassistische Diskriminierung der schwarzen Bevölkerung zwei völlig verschiedene Paar Schuh sind. Vorausgegangen war Obamas Sieg ja ein merkwürdiges Geplänkel. Immer mehr ist im Wahlkampf Clintons Frausein zum Thema geworden. Und es verfestigte sich zunehmend der Konsens, dass sie mit ihrem Festhalten an der Kandidatur irgendwie dem feministischen Projekt schadet. Adrienne Woltersdorf hat das zum Beispiel in der taz geschrieben (am 29. Mai): „Ein Vorbild für ambitionierte Frauen ist die Politikerin damit nicht mehr. Längst wirkt sie wie eine Karikatur einer einzig auf ihre Selbstverwirklichung fixierten Frau.“ http://www.taz.de/1/debatte/kommentar/artikel/1/notfalls-eine-vernunftehe/?src=SE&cHash=df8cbb60d7

Möglicherweise stimmt es ja, dass Hillary Clinton eine schlechte Politikerin und unkluge Wahlkampfstrategin ist – das zu beurteilen traue ich mir als mit der amerikanischen Tagespolitik wenig vertraute Kommentatorin nicht zu. Aber von ihr zu verlangen, dass sie eine gute Figur im Namen der Frauen machen soll, ist zwar irgendwie verständlich, aber letzten Endes skandalös. Denn es heißt, dass von Frauen immer noch verlangt wird, irgend etwas zu tun, weil sie Frauen sind. Wenn das mit der weiblichen Freiheit ernst gemeint wäre, hätte man von Clinton alles mögliche verlangen können - dass sie mit Rücksicht auf die Einheit der Demokraten verzichtet, zum Beispiel - aber auf keinen Fall, dass sie etwas anderes tut, als das wovon sie überzeugt ist, nur weil sie eine Frau ist.

Es war meiner Ansicht nach ein Fehler, dass Feministinnen wie Gloria Steinem oder Adrienne Rich dazu aufgerufen haben, Clinton wegen ihres Frauseins zu wählen. Nicht nur weil das denjenigen Wählerinnen, die für Clinton waren, weil sie sie für die bessere Politikerin hielten, den Dauervorwurf einbrachte: Du bist ja nur aus Frauensolidarität für sie. So wurde nicht nur Clintons Autorität geschwächt, sondern auch die ihrer Anhängerinnen.

Der Vergleich der Diskriminierungen war von vornherein schief. Denn dabei musste natürlich herauskommen, dass die Ausbeutung und Verfolgung der Schwarzen schlimmer war als die politische Rechtlosigkeit der Frauen. Da konnte Clinton eigentlich alles nur falsch machen: Wenn sie darauf verwies, dass ihre eigene Großmutter vor hundert Jahren noch nicht wählen durfte (die schwarzen Männer damals aber schon seit vier Jahrzehnten), dann ließ das Gegenargument nicht lange auf sich warten: Schwarze sind damals in den USA nämlich noch gelyncht worden. Und das ist ja wohl deutlich schlimmer. Der Appell an weibliche Solidarität wäre strategisch vielleicht möglich gewesen, wenn Clintons Konkurrent ein weißer Mann gewesen wäre. In diesem Fall ist er nach hinten los gegangen. Es hat nämlich gezeigt, dass unter weißen Mittelstandsfrauen tatsächlich noch immer eine gewisse Blindheit für die Tragik der rassistischen Vergangenheit steckt, eine Verharmlosung der Tatsache zum Beispiel, dass erst vor vierzig Jahren die Apartheid in den USA abgeschafft worden ist. Statt in die Konkurrenz um die dramatischere Opfergeschichte einzusteigen, wäre es richtiger gewesen, zuzugeben, dass vom Rassismus – wie von jedem anderen sozialen Diskriminierungsmechanismus – immer auch Frauen profitieren: die aus den herrschenden Klassen nämlich.

Die Geschichte der Frauendiskriminierung kann nicht mit dem Rassismus parallel gesehen werden. Sie verläuft auf einer völlig anderen Schiene: Weiblichkeit und Politikmachen passen nicht zusammen. Politik ist männlich konnotiert, und zwar bis heute. Sie war hingegen niemals weiß konnotiert. Weiße Männer haben schwarze Männer von der politischen Macht ferngehalten, weil sie in ihnen Konkurrenten sahen. Das war ein reiner Machtkampf, der nichts Symbolisches hatte. Frauen wurden hingegen von der politischen Macht ausgeschlossen, weil diese Macht sich von Beginn an - noch in der französischen Revolution - als nicht-weiblich definiert hat. Die meisten Männer sahen in den Frauen, die das Wahlrecht forderten, keine Konkurrentinnen. Sie meinten einfach nur, die Politik wäre nicht mehr dasselbe (nämlich kein Ort mehr des männlichen Imaginären), wenn die Frauen hier dabei wären.

Das ist auch der Grund dafür, dass es kulturell sogar in einer so durch und durch rassistischen Gesellschaft wie den USA des 19. Jahrhunderts leichter war, das Wahlrecht für schwarze Männer durchzusetzen als das für weiße Frauen. Obwohl die weißen Männer sich kulturell und sozial den weißen Frauen viel näher und verbundener fühlten als der schwarzen Bevölkerung. Deshalb ist Obama trotz seiner Hautfarbe kein Fremdkörper auf der politischen Bühne und kann es sich leisten, gönnerhaft gegenüber Clinton zu sein. Oder anders: Als Präsidenten können die weißen Amerikaner (und Amerikanerinnen!) einen Schwarzen halbwegs akzeptieren. Aber das heißt nicht, dass sie ihn auch zu ihren Parties einladen oder ihre Tochter heiraten lassen würden. Auf der anderen Seite teilen sie mit Frauen ihr Leben und ihren Alltag - aber ein politisches Amt trauen sie ihnen letzten Endes doch nicht zu. Das würde natürlich heute niemand mehr zugeben. Aber ich behaupte, dass es tatsächlich so ist: Wir trauen einer Frau nicht zu, dass sie Politik macht. Weil Politik machen (jedenfalls diese Art des Politikmachens) sich als nicht-weiblich definiert hat.

Genau dies hat die verräterische Gratulation Obamas nämlich ungewollt bewiesen: Man findet es offenbar immer noch erstaunlich, dass eine Frau so etwas macht - nur dann kann man ja auf die Idee kommen, ihr deshalb eigens zu gratulieren. Ich im Übrigen auch. Ich dachte, eine Frau kann nur so Politikerin sein, wie ihrerzeit Margaret Thatcher: Als ungebrochene Fortsetzung männlicher Politik mit Rock und Handtasche. Angela Merkel hat mich inzwischen eines Besseren belehrt. Irgendwie schafft sie es, eine andere politische Kultur zu leben. Wie sie das macht, ist mir noch nicht so ganz klar - leider wird es auch nicht diskutiert, weil wir im Allgemeinen davon ausgehen, mit dem Bekenntnis zur Gleichheit der Geschlechter sei das Thema erledigt. Vielleicht ist das das Gute an Clintons Niederlage: Sie beweist, dass das Thema noch nicht erledigt ist.

Um noch einmal auf die Gratulationsrede von Obama zurückzukommen: Schön wäre es gewesen, wenn er so etwas gesagt hätte wie: "Ich gratuliere Hillary Clinton, weil sie eine großartige Politikerin ist, die Millionen von Menschen inspiriert. Und ich freue mich, dass unsere politische Kultur inzwischen so ist, dass Frauen wie sie sich daran beteiligen und ihre Fähigkeiten einbringen können." Aber bis dahin ist es offenbar noch immer ein weiter Weg: Zu einer Neudefinition des Politischen, die in der Beteiligung von Frauen eine Chance, einen Glücksfall sieht und nicht eine unbedeutende Nebensächlichkeit.

Um dahin zu kommen, ist es notwendig, aus der Opferkonkurrenz auszusteigen. Denn es war unausweichlich, dass bei dieser Konkurrenz Obama als Schwarzer die Nase vorne hatte: Sozial und menschlich gesehen war der Rassismus (von dem ja, was nicht vergessen werden sollte, auch schwarze Frauen betroffen waren) nun einmal tatsächlich schlimmer als die politische Rechtlosigkeit der Frauen (wobei, was man ebenfalls nicht vergessen sollte, ja auch viele weiße Frauen sozial ausgegrenzt waren, zum Beispiel wenn sie nicht zu den mittelständischen Bürgerfamilien gehörten). Politisch gesehen wäre aber eine Frau als Präsidentin ein Ereignis mit weitaus größerer symbolischer Bedeutung gewesen. Deshalb ist die Entscheidung der Amerikanerinnen und Amerikaner für Barack Obama und gegen Hillary Clinton die konventionellere.

(Mehr zum Thema: "Kein weiblicher Messias in Sicht" - http://www.bzw-weiterdenken.de/artikel-2-105.htm)

Freitag, 9. Mai 2008

1968 und die Frauen



Die Revolte von 1968 feiert ihren 40. Geburtstag – und da stellt sich natürlich auch mal wieder die Frage, wie das damals mit den Frauen war. Gut verstanden haben sie sich ja nicht, die Revolutionäre und die Feministinnen (oder, wie Jutta Ebeling diese Woche auf einer Podiumsdiskussion sagte): Die 68 waren eine Männerinszenierung und sind es bis heute geblieben. Bekanntlich führte das testosteron-geprägte Revoluzzertum zu einem gewissen Unbehagen seitens der Mitkämpferinnen und die beharrliche Ignoranz gegen das erwachende feministische Bewusstsein zuerst zum berühmten Tomatenwurf und dann später zur Separationspolitik der Frauenbewegung (die – und deshalb ist das Thema nicht nur von historischem Interesse, jüngere Frauen heute noch abschreckt). Ich habe besagte Podiumsdiskussion besucht, bei der neben Jutta Ebeling auch Daniel Cohn-Bendit, Christina Thürmer Rohr, Sibylla Flügge und Joscha Schmierer dabei waren. Und sowenig die Männer und Frauen dieser Generation sich vor vierzig Jahren verstanden haben, so wenig kommen sie auch heute noch zusammen. Ich habe da so eine Idee, woran das liegen könnte... Zum Weiterlesen: http://www.bzw-weiterdenken.de/artikel-15-118.htm

Freitag, 15. Februar 2008

Kein weiblicher "Messias" in Sicht

Mit "Messias-Faktor" hat der Spiegel den gegenwärtigen Höhenflug Barack Obamas im Rennen um die demokratische Präsident/inn/en-Kandidatur treffend umschrieben. Der US-amerikanische Vorwahlkampf ist nämlich für eine feministische Analyse von großer Bedeutung: Die "weiße Frau" und der"schwarze Mann" kandidieren für dieselbe Partei, ihre Programme unterscheiden sich praktisch gar nicht voneinander. Aus der drohenden Niederlage Hillary Clintons können wir so einiges über die symbolische Politik der Frauen lernen:

http://www.bzw-weiterdenken.de/artikel-2-105.htm

Freitag, 11. Mai 2007

G8 in Heiligendamm

Massenweise Razzien. Ein 12 Kilometer langer Zaun. 16.000 Polizisten. Kostenpunkt: Hundert Millionen Euro Steuergelder. Heiligendamm ist eine Festung.

Mir kam grade eine ketzerische Idee: Wie wär's wenn kein einziger Demonstrant, keine einzige Demonstrantin dort auftauchte? Wenn wir die Bilder verweigern, an denen sie sich in den Redaktionen und zuhause aufgeilen? Wenn wir sagen: Macht euren Scheiß alleine, bei euch ist eh Hopfen und Malz verloren?

Mir fällt ein Abschnitt aus dem schönen SciFi-Roman Winterplanet von Ursula K. Le Guin ein: Gegen etwas opponieren, bedeutet, es zu erhalten. Man sagt hier: "Alle Wege führen nach Mishnory". Doch wenn man Mishnory den Rücken kehrt und es verlässt, ist man ganz eindeutig immer noch auf dem Weg nach Mishnory. Gegen Vulgarität opponieren bedeutet unvermeidlich, selbst vulgär zu sein. Nein, man muss woanders hingehen; man muss sich ein anderes Ziel setzen. Dann beschreitet man einen anderen Weg."

Lassen wir sie doch mit ihren Ritualen allein. Gehen wir anderswo hin.

Montag, 26. März 2007

Verschiedene Vorstellungen von politischer Praxis

Ich möchte euch auf einen neuen Text im Internet hinweisen - es ist die Übersetzung eines Textes der italienischen Diotima-Philosophin Chiara Zamboni ins Deutsche. Darin zeigt Zamboni an Beispielen, was in der italienischen Frauenbewegung unter einer Praxis verstanden wird. Sie kontrastiert dies mit dem Praxisverständnis angloamerikanischer feministischer Denkerinnen, die stark durch Foucault beeinflusst wurden.

http://www.bzw-weiterdenken.de/artikel-3-55.htm

Samstag, 6. Januar 2007

Neues Internetforum für Philosophie und Politik

Zum neuen Jahr haben wir im Internet ein neues Forum für Philosophie und Politik gestartet: „Beziehungsweise weiterdenken“ ist der Titel, http://www.bzw-weiterdenken.de/ die Internetadresse.

Wir wollen hier feministische Denkrichtungen und Initiativen ins – gerne auch kontroverse – Gespräch bringen. Eine festgelegte inhaltliche Ausrichtung gibt es nicht, und kann es ja auch nicht geben, wenn freies Denken möglich sein soll. Trotzdem ist die Seite nicht beliebig. Wir organisieren uns über die Beziehung, das heißt, es arbeiten Frauen mit (in der Redaktion sind wir derzeit zu siebt, aber demnächst kommen wahrscheinlich noch drei oder vier dazu), die sich persönlich kennen und schätzen und einander vertrauen. Und auf diese Weise soll der Kreis wachsen, aber nicht uferlos, sondern eben gegründet auf Beziehungen (was ja eine alte Praxis der Frauenbewegung ist). Die Initiative zu dem Projekt ging von Christel Göttert aus (der Verlegerin), mit dabei ist zum Beispiel auch Dorothee Markert (die Autorin).

Für die Startausgabe haben wir Autorinnen angefragt, die wir für ihr originelles Denken und ihr Engagement kennen und schätzen, und viele haben spontan mitgemacht, zum Beispiel Ina Praetorius, Ursula Knecht-Kayser, Andrea Günter, Theresia Wintergerst, Brigitte Voykowitsch und viele andere. Das Thema, zu dem sie beigetragen haben, lautet: „Für eine Politik der Beziehungen“ (direkt weiterlesen: www.bzw-online.de/artikel-1-32.htm)

Außerdem möchten wir auf der Seite auch interessante Texte aus der internationalen Frauenbewegung übersetzen und damit für die deutsche Diskussion zugänglich machen. Für den Anfang gibt es zwei auf deutsch übersetzte Texte von Luisa Muraro (zum Beispiel über „Die Entdeckung der Freiheit als religiöse Freiheit“: www.bzw-online.de/artikel-8-22.htm sowie eine Übersetzung aus der aktuellen Via Dogana, der Zeitung des Mailänder Frauenbuchladens (zum Thema „Öffentliche Sphäre“: www.bzw-online.de/artikel-2-8.htm).

Die Seiten sind so aufgebaut, dass Ihr entweder nach Rubriken (Politik, Philosophie, Gesellschaft, Lyrik, Bücher etc.) suchen könnt, oder über den Link „Themen“ auf Artikel verwiesen werdet, die sich jeweils mit einem bestimmten Thema befassen. Oder ihr klickt den Link „Autorinnen“ an und findet darauf Kurzbiografien von der jeweiligen Frau und Verweise zu allen Artikeln, die sie auf http://www.bzw-weiterdenken.de/ bereits veröffentlicht hat.

Die Sache mit den „Beziehungen“ als Organisationsform bedeutet im Übrigen nicht, dass es sich irgendwie um einen geschlossenen Zirkel von Eingeweihten handelt oder so. Das Entscheidende ist vielmehr das eigene Begehren, sich zu diesem Projekt in eine Beziehung setzen zu wollen. Jede, die will, kann also gerne mitarbeiten, eigene Texte schreiben, Bücher vorstellen, Termine bekannt machen und so weiter. Es genügt, mit einer der Redakteurinnen (zum Beispiel mit mir) Kontakt aufzunehmen – und schon sind wir im Gespräch. Wir freuen und auf eure Gedanken und Vorschläge und Anregungen!

Übrigens freuen wir uns auch über Spenden. Zum Beispiel müssen wir noch die Kosten für das Redaktionssystem abzahlen, und wir würden für die Übersetzungsarbeit gerne Honorare bezahlen. Auch die Ausrichtung der Redaktionskonferenzen (ungefähr halbjährlich) kostet Geld, weil die Frauen aus ganz Deutschland anreisen. Wer uns finanziell unterstützen kann, findet alles Weitere unter www.bzw-online.de/help.php.

Und nun wünsche ich Euch viel Spaß beim lesen und surfen und nachdenken – und vielleicht ja sogar mitdenken und selbst schreiben! Briefe und Kommentare und Meinungen zu den Beiträgen sind herzlich willkommen und werden jeweils unter dem entsprechenden Artikel veröffentlicht.

Sonntag, 27. August 2006

Freiheit und Gerechtigkeit

Zur Zeit gibt es eine merkwürdige Diskussion: Die CDU, heißt, setze auf Freiheit, die SPD hingegen auf Gerechtigkeit. Komische Alternative. Wenn man die Wahl zwischen beidem hat, wird sich doch wohl jeder vernünftige Mensch für die Freiheit entscheiden, oder ? Naja, den meisten scheint das nicht so eindeutig zu sein, wie mir. Sie ist leider ziemlich heruntergekommen, die Freiheit. Kein Wunder, wenn ausgerechnet die Partei, die nichts so sehr fürchtet, wie freie Menschen - also solche, die vom vorgegeben Pfad deutscher Spießbürgerlichkeit (heute: Leitkultur) abweichen - sich als letzte Verfechterin der Freiheit aufführen kann. Von der SPD ist da nichts zu hoffen - wie alle staatstragenden Linken seit Marx opfert sie gerne die Freiheit, um dann durchzusetzen, was sei für gerecht hält. Aber leider ist sie damit nur Sprachrohr von vielen Leuten, die mit ihrer Freiheit eben auch gar nix anzufangen wissen und denen sie auch völlig egal ist. So erklärt sich auch die Sehnsucht zurück nach DDR-Zeiten: Ist ja tatsächlich auch egal, ob man in einem totalitären oder in einem freien Land vor der Glotze hockt. Wenn Freiheit nichts anderes ist als die Wahl zwischen links- und rechtsdrehenden Joghurtkulturen (oder ähnlich weit reichenden Dingen), dann braucht die ja wirklich kein Mensch. Trotzdem bleibt das Wort an sich schon schön: Freiheit. Vielleicht erlebt sie ja irgendwann ein Comeback.

Mittwoch, 21. Juni 2006

Anti-Zwangsprostitutions-Kampagne war kostenlose Puff-Werbung

Ein "Ortsbesuch" eines taz-Reporters im Berliner "Artemis", das als WM-Puff im Schlepptau der Anti-Zwangsprostitutions-Kampagnen durch die Weltpresse ging, hat ergeben: Eine bessere und dazu völlig kostenlose Werbung hätten sich die Betreiber nicht träumen lassen können. Hunderte von Männern aus aller Welt wurden durch die vermeintliche Anti-Kampagne aufmerksam und strömen nach dem Ende der Spiele nur so herbei. Hier ist der Artikel: http://www.taz.de/pt/2006/06/19/a0164.1/text. Dass gut gemeint in diesem Fall ziemlich mies gemacht war, hätte man sich auch vorher denken können: www.antjeschrupp.de/zwangsprostitution.htm