Donnerstag, 2. Oktober 2008

Fünf Punkte für die Zukunft der Bewegung

Bis vor kurzem galt es als hoffnungslos antiquiert, sich zur Gattung „Feministin“ zu zählen. Heute ist das Label plötzlich wieder en Vogue, sogar Ministerinnen und Mainstream-Autorinnen bekennen sich dazu. Und selbst jene besonders kapriziöse Spezies entdeckt das F-Wort wieder für sich, die wir schon fast abgeschrieben hatten: die jungen Frauen. Na wunderbar! Die Frage ist nur: In welche Richtung soll es gehen? Hier sind fünf Punkte, die meiner Ansicht nach jetzt auf die Agenda der Bewegung gehören:

1. Die Suche nach dem „richtigen“ Feminismus aufgeben. Die Frauenbewegung ist heute in viele Parallelwelten zersplittert: Universitäre Genderstudies, spirituelle Ritualkreise, Frauen- und Gleichstellungsbeauftragte, Business-Networkerinnen, Queer-Aktivistinnen oder Matriarchatsforscherinnen – und jede Gruppe beschuldigt die andere, keine „richtige“ Feministin zu sein. Insofern ist der als „Zickenkrieg“ inszenierte Medienstreit zwischen „jungen“ und „alten“ Feministinnen zwar eine falsche Skandalisierung (weil die Trennungslinie nicht wirklich zwischen Altersgruppen verläuft), aber auch nicht völlig aus der Luft gegriffen. Wenn Frauen das Engagement andersdenkender Frauen im Namen des „richtigen“ Feminismus ignorieren oder lächerlich machen, schwächen sie die weibliche Autorität insgesamt. Um Missverständnissen vorzubeugen: Das ist kein Appell für mehr Frauensolidarität. Ich finde, Feministinnen sollten sich durchaus öffentlich streiten. Aber eben über ihre unterschiedlichen Inhalte, über ihre divergierenden Urteile und Ansichten, und nicht darüber, wem das Label „Feministin“ gebührt und wem nicht.

2. Einen echten Dialog mit Männern führen. In den vergangenen Jahrzehnten ist es gelungen, Gesetze und bürokratische Regeln so zu gestalten, dass Männer in vielerlei Hinsicht ihr Verhalten gegenüber Frauen verändern mussten. Solange sie aber nicht wirklich verstehen, warum es zum Beispiel wichtig ist, inklusive Sprache zu benutzen, einen gewissen Anteil von Frauen in Gremien zu haben oder Zeit für Hausarbeit aufzuwenden, bleibt es mühsam und es besteht immer die Gefahr eines „backlash“. Wie können wir mehr Männer davon überzeugen, dass die Anliegen der Frauenbewegung wichtig sind? Damit wir nicht dauernd mit der Peitsche hinter ihnen stehen müssen? Einfache Appelle im Sinne von „die Männer müssen…“ helfen da nicht weiter, schon gar nicht, wenn sie wie so häufig in reinen Frauenkontexten geäußert werden. Mit dem ganzen Thema sollten wir phantasiereich und undogmatisch experimentieren – was im Übrigen auch bedeutet, die Männer als Gesprächspartner mit ihrer Kritik und ihren Vorbehalten gegen den Feminismus (oder das, was sie darunter verstehen) ernst zu nehmen.

3. Feminismus zum kulturübergreifendes Projekt machen. Noch immer ist der Feminismus in Deutschland, und zwar in allen seinen „Fraktionen“, überwiegend eine Angelegenheit weißer, mittelständischer Frauen. Das schwächt die Bewegung enorm und birgt sogar große Gefahren (zum Beispiel, weil der interkulturelle Dialog in Deutschland gegenwärtig zu einer Angelegenheit konservativer Männer zu werden droht). Um das zu ändern, ließe sich einiges von den „postcolonial Studies“ in den USA lernen. Vor allem aber braucht es konkrete Beziehungen zu Frauen aus anderen Kulturen, die auf einem echten Interesse aneinander basieren – und das auch dann, wenn diese nicht die Glaubenssätze des westlich-emanzipatorischen Feminismus teilen. Vielleicht gibt es ja auch noch andere Wege zu weiblicher Freiheit. Das ist im Übrigen kein Kulturrelativismus, sondern die einzige Chance, die wir haben, um Frauen aus anderen Kulturen eventuell vom Wert „westlicher“ Errungenschaften zu überzeugen.

4. Der neoliberalen Einverleibung feministischer Forderungen entgegentreten. Zurzeit ist die Wirtschaft sehr an der Verfügbarmachung qualifizierter, leistungsfähiger Frauen als „Human Resources“ interessiert. In diesem Kontext werden alte feministische Forderungen wie Kinderkrippen, Entlastung der Frauen von Haus- und Familienarbeit sowie die Selbstverständlichkeit weiblicher Erwerbsarbeit politisch konsensfähig. Das ist einerseits natürlich schön. Andererseits war der Feminismus aber immer mehr als ein Hilfsmittel zur Optimierung des Kapitalismus, nämlich eine soziale Bewegung, die über die Grenzen des Gegebenen hinausführt. Das dürfen wir nicht aus den Augen verlieren – und auch jenen neubekehrten Feministinnen vermitteln, die mit der Geschichte der Frauenbewegung vielleicht nicht so vertraut sind.

5. Postpatriarchale Weltgestaltung statt Kampf für Fraueninteressen. Viele Konfliktlinien, die früher zwischen Frauen und Männern verliefen, verlaufen heute anderswo: Zwischen gut und schlecht Verdienenden, zwischen Erwerbsarbeitenden und Arbeitslosen, zwischen denen, die für Kinder oder Kranke sorgen und denen, die das nicht tun. Mit Statistiken über prozentuale Frauenanteile hier und da lässt sich das nicht mehr angemessen analysieren. Deshalb wird die Frauenbewegung in Zukunft noch weniger als bisher einfach nur für „Fraueninteressen“ eintreten können. Worum es vielmehr geht, ist postpatriarchale Weltgestaltung in einem umfassenden Sinn: um die Frage, wie denn in Zukunft diese Welt und das Zusammenleben aller Menschen auf eine gute Weise gestaltet werden soll.

Kommentare:

Cornelia Roth hat gesagt…

Liebe Antje,
Deine fünf Punkte für die Zukunft der Frauenbewegung gefallen mir gut - und es ist wichtig, auf das, was sich bewegt, zu antworten! Beim Punkt "Gegen Einverleibung durch den Neoliberalismus" finde ich sind positive Antworten nötig, nicht nur sich nicht einverleiben lassen. Mir ist nicht ganz klar, welche Erfahrungen aus der Geschichte der Frauenbewegung Du an diesem Punkt meinst.
Und dann kommt mir immer wieder durcheinander und in Unklarheit: Frauenbewegung und Feminismus.
Feminismus ist für mich inzwischen ein gesellschaftsveränderndes Projekt, für das Frauen und Männer gewünscht sind und das auf den Erfahrungen aufbaut, die Frauen und Männer mit patriarchaler Geschichte und Kultur gemacht haben. Und Frauenbewegung? Teils so ein Interessensding, teils das Gleiche wie Feminismus.
Soweit ganz kurz, da etwas in Eile.
Einen herzlichen Gruß von Cornelia

antjeschrupp hat gesagt…

Hallo, Cornelia,
Feminismus würde ich auch so definieren wie du, es ist sozusagen eine theoretische Grundlage der Patriarchatskritik und der Arbeit an einer postpatriarchalen neuen Ordnung und Aufgabe für Frauen wie Männer.
Frauenbewegung ist für mich einfach ein Sammelbegriff für das, was Frauen tun, was Frauen bewegt und wohin sich Frauen bewegen. Sie ist für mich eine große und unverzichtbare Inspirationsquelle des Feminismus, weil sie an das weibliche Begehren geknüpft ist (der Feminsmus nicht unbedingt). Sie bringt die Politik der Frauen zur Sichtbarkeit. Sie ist Ausdruck der weiblichen Freiheit. Feminismus und Frauenbewegung zusammendenken heißt für mich, die Theorie nicht von den Körpern zu trennen. Und zu verhindern, dass die Männer nun auch noch den Feminismus übernehmen und alles besser wissen und uns erklären, was nach dem Patriarchat am besten kommt. Ich kenne ein paar von der Sorte. Daher: Feminist (oder Feministin) ist nur, wer Frauen zuhört und sich aus dem, was sie sagen udn tun, inspirieren lässt (durchaus im Konflikt und in der Kritik). Also mit der Frauenbewegung rechnet. Wer meint, ohne Frauen und ihre Bewegung (aus Fleisch und Blut) auszukommen, ist auch kein Feminist,

Andrea Mayer-Edoloeyi hat gesagt…

Liebe Antje,

ich lese nun schon eine Weile hier mit, darum möchte ich mich auch mal melden.
Deine Punkte für die Zukunft der Bewegung könnte ich ja auf den ersten Blick sicherlich unterschreiben. Sie fassen sehr gut zusammen, um was es geht. Wo ich mir aber nicht sicher bin ist, ob sich Punkt 1 und Punkt 4 nicht widersprechen. Mir fällt durchaus auf, dass es feministische Positionen gibt die durchaus kompaktibel, ja sogar förderlich für den Neoliberalismus sein können. Als Beispiel würde ich ja da mal manche Varianten des Gender Mainstreaming nennen, die alles was mal feministische Inhalte waren, zum Alibi korrumpieren. Das würde ich nicht für jede/n sagen, die/der sich für GM engagiert (das ganze hat ja auch seine positiven Aspekte), aber durchaus für manche.
Zu meinem Verständnis von Feminismus gehört, hier eine klare Grenze zu ziehen und mich dann auch im Fall des Falles gegen die Vereinnahmung des Labels Feminismus zu wehren. Wie siehst du das?

Herzliche Grüße, Andrea

antjeschrupp hat gesagt…

Hallo Andrea,
nein, meiner Meinung nach widersprechen sich Punkt 1 und Punkt 2 nicht. Sicher, du hast recht, dass manche feministischen Positionen (Stichwort: F-Klasse) heute klar den neoliberalen Kurs unterstützen und befördern. Aber sich mit denen zu streiten bedeutet ja nicht unbedingt, ihnen das Label "Feminismus" abzusprechen. Ich finde, Feministin nennen können sich alle, und dann müssen sie eben damit rechnen, von anderen Feministinnen kritisiert zu werden, die ihre Ideen falsch finden...
liebe Grüße,
Antje