Samstag, 17. Januar 2009

Proudhon - der größte Frauenfeind des 19. Jahrhunderts wird gefeiert

Mit Verwunderung lese in diesen Tagen allenthalben lobhudelnde Artikel über den französischen Antifeministen und Sozialisten Pierre-Joseph Proudhon, aus Anlass von dessen 200. Geburtstag. Zum Beispiel hier in der taz http://www.taz.de/1/leben/koepfe/artikel/1/der-anarchistische-kleinbuerger/ oder auch in der monde diplomatique http://www.monde-diplomatique.fr/2009/01/CASTLETON/16666 (leider im Netz nur auf französisch zu haben).

Da gibt es dann so lapidare Sätze wie den, dass sich die antifeministischen Positionen Proudhons „bei vielen Sozialisten des 19. Jahrhunderts“ fänden. Das stimmt nicht. Proudhon war ein extremer Antifeminist und in seiner Frauenverachtung deutlich radikaler als alle anderen Denker seiner Zeit, ob bürgerliche oder sozialistische.

Mit seinem Buch "De la Justice" löste er 1858 einen Protest-Sturm unter französischen Feministinnen und eine Flut anti-proudhonistische Bücher aus. In seiner 1875 posthum veröffentlichten Hetzschrift „La Pornocratie ou les femmes dans les temps modernes“ legte er noch mal nach und verteidigte seinen Antifeminismus ausdrücklich gegen den Trend der Zeit.

Der Proudhonismus führte in der französischen Arbeiterbewegung zunächst zu einem Ausschluss der Frauen aus ihren Organisationen, der erst aufgehoben wurde, nachdem der Proudhonismus an Einfluss verloren hatte. Proudhon galt zu seiner Zeit auch keineswegs als Anarchist. Zum Beispiel sind Bakunin und seine AnhängerInnen zunächst der Internationale wegen deren proudhonistischer Ausrichtung gegenüber distanziert geblieben (sie vertraten die Gleichheit der Geschlechter). Erst Kropotkin hat Proudhon in die Ahnenreihe des Anarchismus aufgenommen, und seither schreibt es einer vom anderen ab.

Es ist also keineswegs so, dass Proudhons Frauenverachtung sozusagen ein aus den Zeitumständen heraus verständlicher und vernachlässigbarer Nebenaspekt seines Denkens war, sondern er war ein zentraler Punkt. Hauptforderung der Proudhonisten war zum Beispiel ein Verbot der Frauenerwerbsarbeit und die Vorstellung, Frauen müssten in Haushalt und Kindererziehung dem Mann zuarbeiten. Dies war nicht einfach „damals eben so“, sondern eine dezidierte Gegenposition zu anderen Strömungen der Arbeiterbewegung, die eine Integration der Frauen in die Erwerbsarbeit und in den sozialrevolutionären Kampf favorisierten. Dieser Streit zwischen Proudhonisten und anderen über die Rolle der Frau nahm bei den ersten beiden Kongressen der Internationale einen sehr großen Teil der Debatten ein.

Wenn ich da solche Artikel lese, dann muss ich sagen, dass die Arbeiterbewegung in ihrem Bewusstsein für die Bedeutung der Geschlechterdifferenz für die revolutionäre Bewegung damals theoretisch bereits auf einem höheren Niveau war die so genannten "linken" Denker heute, 150 Jahre später. Ziemlich schade, nicht?

Wer es genauer wissen will: Ich hab einen Text im Netz zum Thema "Feminismus und Antifeminismus in der frühen Arbeiterbewegung" http://www.antjeschrupp.de/studienvereinigung.htm

Kommentare:

Anonym hat gesagt…

Bitte nicht in so einen Blödsinn verrennen. Feminismus, Antifeminismus .. das sind durch nur Zerrbilder und Entstellungen des Frauseins.

JauerKlaus hat gesagt…

Was Anonym sagt, ist der eigentliche Blödsinn...
Ich finde "Aus Liebe zur Freiheit"
als ein "gutes Werk" in zweifacher Hinsicht:
1. erfährt man kurz und prägnant etwas Näheres zur Person und den Ansichten Proudhons, was sonst nur mit gr0ßer Mühe selbst geleistet werden könnte,
2. hilft diese kurze Zusammenfassung doch sehr, die Zusammenhänge zu verstehen, wenn man in Schriften von Marx, Engels, Lenin u.a. vom Proudhonismus liest.
27.05.2010